Die Total-BIM-Methodik und ihre Bedeutung für das digitale Bauen.
Die Gebäudedatenmodellierung (Building Information Modelling, BIM) ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein fester Bestandteil der nordischen Bauindustrie, doch ihre Umsetzung beschränkt sich weitgehend auf die Planungsphase. Bei vielen (wenn nicht sogar den meisten) Projekten werden BIM-Modelle verwendet, um herkömmliche 2D-Zeichnungen zu erstellen. Danach wird das Modell nicht mehr aktualisiert, ist nicht mehr vertrauenswürdig und wird nicht mehr aktiv genutzt.
Dieser parallele Arbeitsablauf - BIM neben den Zeichnungen - wurde wiederholt als Haupthindernis für die Ausschöpfung des vollen Potenzials des digitalen Bauwesens identifiziert, weshalb ein zentraler Schwerpunkt des Total-BIM-Konzepts darin besteht was wir nicht mehr tun sollten, nicht nur die Einführung neuer Arbeitsweisen.
Von der BIM-Annahme zum vollständigen BIM
Die von der Chalmers University of Technology in Göteborg, Schweden, entwickelte Total-BIM-Methodik, die auf den bewährten Verfahren der nordischen Bauindustrie basiert, stellt eine grundlegende Abkehr von diesem fragmentierten Ansatz dar. Anstatt BIM als unterstützendes Werkzeug zu betrachten, etabliert Total BIM das digitale Modell als einzige, dynamische und rechtsverbindliche Informationsquelle in allen Projektphasen, vom Entwurf bis zum Bau und darüber hinaus. Dieser Wandel ist nicht nur technischer Natur - er erfordert eine Veränderung der Denkweise, der Organisation, der Führung und der Vertragspraktiken.
Was ist Total BIM?
Total BIM bezieht sich auf eine Konstruktionsmethodik, bei der:
- Das BIM-Modell ist vertraglich und rechtlich bindend
- Das BIM-Modell enthält vollständige, produktionsorientierte Informationen
- Das BIM-Modell ist die einzige Quelle für Projektinformationen
- Die Erstellung und Verwendung herkömmlicher 2D-Zeichnungen wird auf ein Minimum reduziert.
- Alle Beteiligten arbeiten bedingungslos im Rahmen des digitalen Modells
Anstelle statischer, unverbundener Informationsquellen ermöglicht Total BIM eine einzige vernetzte Informationsumgebung, auf die vor Ort über cloudbasierte Plattformen und mobile BIM-Viewer-Software zugegriffen werden kann. In dieser Umgebung können Informationen kontinuierlich aktualisiert, gefiltert, erstellt und von allen Projektbeteiligten wiederverwendet werden.
Warum traditionelles BIM zu kurz greift
Frühere BIM-Implementierungen sind häufig an verschiedenen wiederkehrenden Problemen gescheitert:
- Parallele Bereitstellung von BIM und 2D-Zeichnungen, was zu Inkonsistenzen führt
- Verlust des Vertrauens in BIM, wenn Modelle nicht mehr aktualisiert werden
- Software, die in erster Linie für erfahrene Benutzer und nicht für Baustellenpersonal entwickelt wurde
- Begrenzter Zugang zu Hardware vor Ort und unzureichende Schulung
- Herausforderungen der Interoperabilität und ungelöste rechtliche Rahmenbedingungen
Infolgedessen hat sich das Bauwesen traditionell auf statische, unverbundene Informationen verlassen, selbst bei so genannten “BIM-Projekten”. Total BIM behebt diese Unzulänglichkeiten durch die Einführung eines dynamischen, modellbasierten Produktionsprozesses.
BIM in der Praxis: Beweise aus Fallstudien
Untersuchungen der Chalmers University auf der Grundlage von Fallstudien in Schweden und Norwegen zeigen, wie Total BIM die Baupraxis vor Ort grundlegend verändert.
Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Bauarbeiter nicht länger passive Empfänger von Zeichnungen sind. Stattdessen werden sie zu aktiven Erstellern und Nutzern digitaler Informationen. Mit moderner, benutzerfreundlicher BIM-Viewer-Software auf mobilen Geräten können die Bauarbeiter:
- Direkt im Modell messen
- Filtern und Abfragen relevanter Informationen
- Hinzufügen von strukturierten Daten, Fotos und Kommentaren in Verbindung mit BIM-Objekten
- Generieren Sie aufgabenspezifische Ansichten, anstatt sich auf vordefinierte Zeichnungen zu verlassen.
Diese dynamische Interaktion verwandelt BIM von einem Design-Artefakt in eine lebendige Produktions- und Kommunikationsplattform.
Integrierte Kommunikation und Informationsfluss
Einer der wichtigsten Vorteile von Total BIM ist die verbesserte Kommunikation. Informationen, die zuvor über E-Mails, Telefonate oder isolierte Dokumente ausgetauscht wurden, werden innerhalb der Modellumgebung transparent, nachvollziehbar und zugänglich.
Bei den untersuchten Projekten entwickelten sich die BIM-Viewer-Anwendungen über Visualisierungswerkzeuge hinaus zu integrierten Managementplattformen. Informationsanfragen (RFI), Baustellenfotos, Messungen und Kurzbeschreibungen wurden direkt mit den Modellobjekten verknüpft. Dies verkürzte die Bearbeitungszeiten, verbesserte das Situationsbewusstsein und ermöglichte es den Managementteams, den Baufortschritt besser zu überwachen.
Erfolgsfaktoren für die Implementierung von Total BIM
In den Fallstudien wurden mehrere gemeinsame Erfolgsfaktoren ermittelt:
- BIM als rechtlich und vertraglich verbindliches Dokument
Die Abschaffung von Zeichnungen beseitigt Unklarheiten und zwingt alle Beteiligten, sich auf dieselbe Informationsquelle zu verlassen. - Hochwertiges, produktionsorientiertes BIM
Modelle müssen detailliert, strukturiert und auf die Konstruktion zugeschnitten sein - nicht nur auf die Entwurfsabsicht. - Cloud-basierte Modellverwaltung und mobiler Zugriff
Der Echtzeit-Zugriff vor Ort sorgt dafür, dass BIM aktuell, vertrauenswürdig und relevant bleibt. - Leistungsstarke und dennoch benutzerfreundliche BIM-Viewer-Software
Die Tools müssen auch für nicht fachkundige Benutzer geeignet sein und die Messung, Filterung und Erstellung von Informationen ermöglichen. - Starke Führung und Engagement des Managements
Erfolgreiche Total BIM-Projekte erfordern eine entschlossene Führung und eine “All-in”-Strategie, statt einer partiellen Einführung.
Eine der Fallstudien, das preisgekrönte Celsius Das Labor- und Bürogebäude des schwedischen Bauträgers Vasakronan auf dem Campus der Universität Lund ist ein Beispiel für diese Faktoren. Es wurde pünktlich fertiggestellt und lag etwa 9 Millionen SEK unter dem Budget, obwohl der anfängliche Planungsaufwand für die Erstellung detaillierter BIM-Daten höher war.
Rollen und Zuständigkeiten im Wandel
Total BIM verändert die Rollen der Fachleute bei Bauprojekten grundlegend. Die Planer müssen sich zu einer früheren Entscheidungsfindung verpflichten und erhalten gleichzeitig einen größeren Einfluss auf das Endergebnis. Bauarbeiter und Subunternehmer werden früher in die Entwurfsphasen einbezogen, um die Konstruierbarkeit und Datenqualität zu gewährleisten.
Bei den untersuchten Projekten wurde das Produktionspersonal durch einen strukturierten, mehrstufigen Qualitätssicherungsprozess direkt in die Modellentwicklung einbezogen. Dadurch werden die Mitarbeiter auf der Baustelle von Empfängern statischer Anweisungen zu Mitwirkenden an einer gemeinsamen digitalen Wissensbasis.
Herausforderungen und künftige Auswirkungen
Total BIM hat zwar erhebliche Vorteile gezeigt, aber es bleiben auch Herausforderungen. Es werden neue Anforderungen an die Qualitätssicherung, das Toleranzmanagement und die rechtlichen Rahmenbedingungen gestellt, insbesondere da BIM zum rechtsverbindlichen Dokument wird. Normen und Richtlinien müssen weiterentwickelt werden, um diese neuen digitalen Praktiken zu unterstützen.
Mit Blick auf die Zukunft legt Total BIM den Grundstein für digitale Zwillinge von Baustellen. Die Integration von Checklistendaten, Sensoreingaben und die Überwachung des Baufortschritts in Echtzeit könnten Projektmanager und Bauarbeiter weiter befähigen und datengestützte Entscheidungen während des gesamten Projektlebenszyklus ermöglichen.
Total BIM als Katalysator für das digitale Bauen
Total BIM geht über die schrittweise Einführung von BIM hinaus und führt zu einer ganzheitlichen, integrierten und produktionsorientierten digitalen Baumethodik. Durch die Abschaffung von Zeichnungen, die Vereinheitlichung des Informationsflusses und die Stärkung des Personals vor Ort beseitigt Total BIM seit langem bestehende Ineffizienzen bei Bauprojekten.
Die Untersuchungen und Fallstudien zeigen, dass statische 2D-Zeichnungen nicht mehr notwendig sind und dass BIM als dynamische, einzige Informationsquelle für alle Projektphasen fungieren kann. Auch wenn die Umstellung eine starke Führung und ein Umdenken erfordert, könnte Total BIM die bevorzugte Methode für künftige Bauvorhaben sein, um Fehler zu reduzieren, Nacharbeiten zu minimieren und den vollen Wert des digitalen Bauens zu erschließen.


